In seinem Buch The Visual Display of Quantitative Information bezeichnet Edward R. Tufte Charles Minards Karte von Napoleons Russlandfeldzug 1812 als die möglicherweise beste statistische Grafik, die jemals gezeichnet wurde. Auch auf seiner Website oder in Interviews verweist er immer wieder auf dieses eine Beispiel.
Wenn ein Experte wie er dieses Werk über Jahrzehnte so prominent hervorhebt, stellt sich die Frage: Was genau stellt die Grafik eigentlich dar und was macht sie so besonders?

Die Erzählung einer Katastrophe
Die Grafik zeigt die Verluste von Napoleons Grande Armée während des Russlandfeldzugs von 1812. Das beige Band stellt den Hinweg dar und seine Breite verdeutlicht, wie groß die Armee an der jeweiligen Position noch war. Von den ursprünglich 422.000 Männern, die bei Kowno die russische Grenze überschritten, kamen nur 100.000 Männer in Moskau an. Drei von vier Soldaten starben also bereits auf dem Hinweg.
Der Rückzug aus Moskau ist durch das schwarze Band dargestellt, das mit einer Temperaturskala und Datumsangaben verbunden ist. An den Verbindungslinien sieht man, dass die Armee bei konstanten Minusgraden marschierte, die teilweise auf -30 °Réaumur (-37 °C) fielen. Viele Soldaten erfroren. Auch die Beresina-Überquerung endete im Desaster und Napoleon verlor an diesem Ort noch einmal etwa die Hälfte seiner verbliebenen Männer. Am Ende kehrten nur noch etwa 10.000 Männer nach Polen zurück.
Warum Tufte die Grafik als die beste Informationsvisualisierung bezeichnet
In seinem Standardwerk widmet sich Edward Tufte der Grafik von Charles Minard gleich dreimal. Er nutzt sie als das ultimative Beispiel dafür, wie komplexe Daten ohne unnötigen Ballast vermittelt werden können. Folgende Merkmale hebt er dabei besonders hervor:
Raum und Zeit - Die Darstellung ist mehrdimensional, sie verbindet die zeitliche Entwicklung mit der räumlichen Bewegung. So wird nachvollziehbar, wann sich die Truppen an welchem Ort aufgehalten haben.
Hohe Informationsdichte - Die Grafik ist multivariabel. Minard schafft es, insgesamt sechs Variablen gleichzeitig zu visualisieren: Armeegröße, Ort, Richtung, Temperatur, Zeit und Geografie.
Klarheit - Trotz ihrer Komplexität ist die Grafik einfach zu lesen. Das liegt am Fokus auf das Wesentliche und am Weglassen jeglicher dekorativer Elemente, etwas was Tufte auch als hohen Data-Ink-Ratio bezeichnet.
Storytelling - Die Grafik erzählt eine Geschichte. Dargestellt werden der Vormarsch nach Moskau, der Rückzug im eiskalten Winter und die fortschreitende Verkleinerung der Armee.
Integration - Durch die Verknüpfung verschiedener Informationsebenen wird die Kausalität zwischen äußeren Einflüssen wie der Kälte oder der Berezina und den Truppenverlusten aufgezeigt.
Grafische Eleganz - Die Grafik verbindet hohe Informationsdichte und simples Design, Tufte bezeichnet das als Grafische Eleganz:
„Graphical elegance is often found in simplicity of design and complexity of data.“
Minards Werk dient also als zeitloses Vorbild, da es zeigt, dass Komplexität und Klarheit durchaus miteinander vereinbar sind.
